2.276 Firmeninsolvenzen registrierten deutsche Gerichte im April 2026. Das sind 7,1 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Von Januar bis April zusammen 8.551 Fälle, ein Plus von 6,7 Prozent. Die Forderungssumme sank im selben Zeitraum von 22,5 auf 13,9 Milliarden Euro. Es trifft also mehr Firmen, aber kleinere. Eine stille Verschiebung im Mittelstand, ohne große Schlagzeile. (Quelle: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 09.07.2026)
Der Bau steht bei 35,6 Insolvenzen pro 10.000 Unternehmen – Platz drei aller Branchen, hinter Transport und Gastgewerbe. Das sind Zahlen. Was sie nicht zeigen, ist, wohin die Menschen dahinter verschwinden.
Die Liste, die niemand teilt
Zehn Firmen, jede mit Millionen an Kapital, jede über Jahre aufgebaut, jede 2025 oder 2026 untergegangen:
- Lilium – 10 Jahre, 1,5 Milliarden Euro Funding
- Element – 8 Jahre, 150 Millionen Euro
- Zolar – 7 bis 8 Jahre, 135 Millionen Euro
- CustomCells – 13 Jahre, 60 Millionen Euro
- HPS – 11 Jahre, 55 Millionen Euro
- Evum Motors – 8 Jahre, 50 Millionen Euro
- Idagio – 10 Jahre, 35 Millionen Euro
- German Bionic – 9 Jahre, 35 Millionen Euro
- RightNow – 8 Jahre, 33 Millionen Euro
- Kenbi – 6 Jahre, 30 Millionen Euro
Jede dieser Firmen hatte einmal einen Pitch, eine Serie-A-Meldung, ein Gründerfoto mit Handshake. Bei jeder Finanzierungsrunde wurde die Geschichte weitererzählt. Nach der Insolvenz taucht jede nur noch als Zeile in einer Liste auf, in einem Jahresrückblick, zwischen neun anderen. Niemand fragt öffentlich, was schiefging. Niemand analysiert, was der Gründer heute anders sähe.
Der Erfolg wird verbreitet, solange er läuft, und bleibt danach als Erzählung erhalten. Der Misserfolg wird registriert und verschwindet. Das ist keine Bosheit, das ist die Mechanik: Wer verkauft, tritt danach ins Interview. Wer scheitert, hat keinen Anlass mehr für ein Gespräch – und selten die Kraft dazu.
Die Fragen, die vor dem Aktenzeichen kommen
Falls das gerade näher ist, als es sich anfühlt, ein paar Fragen – ungeschönt:
- Wann hast du deine Zahlen zuletzt angeschaut, ohne dass gleichzeitig die Hoffnung auf den nächsten Auftrag mitgeschaut hat?
- Denkst du noch in der Logik der Jahre, in denen es einfach lief? Ist Wachstum für dich immer noch der Hebel, obwohl die Lage längst eine andere Abteilung ist?
- Wer entscheidet in deiner Firma, wann genug genug ist – du, mit einer nüchternen Übersicht, oder die Hoffnung, dass sich die Auftragslage von selbst bessert?
- Existiert deine Übersicht über offene Rechnungen, Verzögerungen und Verpflichtungen irgendwo außerhalb deines Kopfes? Würde sie einer fremden Person in einer Stunde verständlich sein?
- Mit wem sprichst du über die Zahlen, bevor es ein Anwalt oder ein Gericht tun muss?
Diese Fragen lassen sich nicht in einem Satz beantworten. Wer bei einer davon zögert, hat die Antwort vermutlich schon – nur noch nicht ausgesprochen.
Was tatsächlich hilft, bevor es ein Verfahren wird
Kein Werkzeug ersetzt das Folgende. Drei Dinge, die vor jedem Tool kommen:
Die Zahlen regelmäßig anschauen – nicht erst, wenn der Steuerberater anruft. Wöchentlich, nicht quartalsweise. Wachstumsjahre erlauben Nachlässigkeit, weil Fehler sich von selbst ausgleichen. In einer angespannten Lage gleicht sich nichts mehr von selbst aus.
Eine unabhängige zweite Meinung holen – bevor die Lage entschieden ist, nicht danach. Ein Steuerberater oder ein Fachanwalt für Insolvenzrecht sieht Muster, die man im eigenen Betrieb nicht mehr sieht, weil man mittendrin steckt. Die Frage ist nicht, ob man sich das leisten kann. Die Frage ist, ob man sich das Nicht-Fragen leisten kann.
Die eigene Dokumentation ernst nehmen – nicht als Bürokratie, sondern als Beweis der eigenen Handlungsfähigkeit. Wer belegen kann, wann er was erkannt und wann er wie reagiert hat, steht in jedem Gespräch anders da als jemand mit einem Rückstand, der sich nicht mehr rekonstruieren lässt.
Der schwerste Teil ist keiner dieser drei Punkte. Der schwerste Teil ist, sich selbst zuzugestehen, dass man im Sumpf steht, während man noch glaubt, man laufe.